Job trotz Sucht: Radstation Hannover bietet neue Perspektiven
Job trotz Sucht
Radstation Hannover bietet neue Perspektiven
Im Herzen von Hannover, direkt am Hauptbahnhof, befindet sich die Radstation der Paritätischen Suchthilfe Niedersachsen. Neben Serviceleistungen rund ums Fahrrad, wie sicheres Parken, Fahrradwäsche und der Vermietung von Fahrrädern, bietet diese Einrichtung Unterstützung für Menschen in schwierigen Lebenslagen.

Ein beeindruckendes Beispiel ist Mario Schäfer.
Der 50-Jährige nimmt an einem Substitutionsprogramm teil, das ihm hilft, seine Heroinabhängigkeit zu kontrollieren. Im Interview berichtet Mario Schäfer, wie das Substitutionsprogramm und die Arbeit in der Radstation ihm neue Lebensperspektiven bieten.
Herr Schäfer, Sie sind in der Radstation für die Fahrradwäsche zuständig und haben dort als „Ein-Euro-Kraft“ angefangen. Inzwischen sind Sie fest angestellt. Wie hat sich Ihr Leben durch diesen Job verändert?
Dieser Job hat für mich alles verändert. Als ich vor einigen Jahren in der Radstation anfing, war ich in einer wirklich schwierigen Phase meines Lebens. Ich war heroinabhängig, hatte gerade wegen Schwarzfahren ein Jahr im Gefängnis verbracht und stand ohne Job da. Es war eine Zeit, in der ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. Dann bekam ich die Chance, als „Ein-Euro-Kraft“ in der Radstation zu arbeiten. Zuerst waren es nur ein paar Stunden am Tag, aber diese Stunden haben mir geholfen, wieder Vertrauen in meine Fähigkeiten zu gewinnen. Die Radstation war ein Ort, an dem ich mich nicht verstecken musste. Hier wurde ich so akzeptiert, wie ich bin. Das hat mir den Mut gegeben, weiterzumachen. Nach einem Jahr wurde ich dann fest angestellt. Das war ein großer Moment für mich, weil ich erkannte, dass ich tatsächlich in der Lage war, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Heute verdiene ich meinen Lebensunterhalt selbst. Ich habe eine Wohnung, führe eine feste Beziehung und wir haben sogar einen gemeinsamen Hund.
Sie nehmen täglich Diamorphin, pharmazeutisch erzeugtes Heroin, zur Behandlung Ihrer Abhängigkeit. Welche Auswirkungen hat das auf Ihren Alltag?
Das Diamorphin hat mich in vielerlei Hinsicht stabilisiert. Vor der Substitution war es für mich unmöglich, in der Radstation zu arbeiten und einen geregelten Tagesablauf zu führen. Ich war ständig in einer Art inneren Unruhe, immer auf der Suche nach dem nächsten „Schuss“, was es mir erschwerte, langfristig an etwas dranzubleiben, sei es an einem Job oder persönlichen Beziehungen. Seitdem ich am Substitutionsprogramm teilnehme, hat sich das alles geändert. Die tägliche Dosis Diamorphin, die ich unter ärztlicher Aufsicht einnehme, erzeugt kein starkes Rauschgefühl, sondern gibt mir die nötige Ruhe. Ich bin in der Lage, morgens aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und mich auf meine Aufgaben zu konzentrieren, ohne ständig an die Droge denken zu müssen. Das Substitutionsprogramm nimmt mir die Angst, dass ich irgendwann wieder in die Illegalität abrutsche, weil ich die Droge nicht mehr beschaffen kann. Ich muss mich nicht mehr mit gestrecktem Heroin auseinandersetzen, das oft gefährliche Substanzen enthält. Stattdessen bekomme ich eine kontrollierte, sichere Dosis, die genau auf meine Bedürfnisse abgestimmt ist. So kann ich mich mehr auf die wichtigen Ziele in meinem Leben konzentrieren. Es dreht sich nicht mehr alles um die Sucht.

Sie erwähnten im Vorgespräch, dass Sie früher als Metallbauer gearbeitet hatten und gerne wieder in diesem Beruf arbeiten würden. Was hindert Sie daran?
Als Metallbauer habe ich viele Jahre gearbeitet und ich würde wirklich gerne wieder in diesem Bereich arbeiten. Das Problem ist aber, dass es schwierig ist, einen Job abseits der Suchthilfe zu finden, wenn man Substitutionspatient ist. Viele Arbeitgeber haben Vorurteile, wenn sie hören, dass jemand Medikamente wie Diamorphin einnimmt, auch wenn ich dadurch mein Leben stabilisieren konnte. Ich habe gelernt, die Vorteile meiner aktuellen Arbeit in der Radstation zu schätzen. Hier habe ich eine sichere Arbeitsumgebung und ein unterstützendes Team. In der Radstation werde ich als Mensch akzeptiert, und das gibt mir viel. Das ist etwas, was ich auch in einem zukünftigen Beruf, egal ob als Metallbauer oder in einem anderen Bereich, wiederfinden möchte. Derzeit bin ich aber sehr glücklich und möchte weiter hier in der Radstation arbeiten.
Wie haben Sie die Unterstützung durch die Radstation konkret erlebt, besonders im Hinblick auf Ihre berufliche Integration?
Von Anfang an wurde ich als gleichwertiges Teammitglied behandelt, das hat mir sehr geholfen, mein Selbstvertrauen wiederzufinden. Die Kolleg:innen, aber auch die Kund:innen haben mir immer das Gefühl gegeben, dass ich wertgeschätzt werde und dass meine Arbeit wichtig ist. Diese Bestärkung war entscheidend, um in einen strukturierten Alltag und ins Berufsleben zurückzufinden. Zudem ermöglichte mir die flexible Arbeitsstruktur, meine Substitutionsbehandlung und die Arbeit gut aufeinander abzustimmen.
Was raten Sie Menschen mit Suchtproblemen, die sich wieder ein selbstbestimmteres Leben wünschen?
Ich würde Ihnen raten, den ersten Schritt zur Veränderung zu wagen, auch wenn er klein erscheinen mag. Der Weg aus der Sucht oder schwierigen Situationen ist oft lang und hart, aber er beginnt mit dem Entschluss, Hilfe anzunehmen. Denken Sie daran: Es ist keine Schande, sich helfen zu lassen. Viele Menschen stehen vor ähnlichen Herausforderungen, und es gibt viele Unterstützungsangebote. Der Schritt, sich diesen Angeboten anzuschließen, ist mutig und wichtig für ein besseres Leben. Feiern Sie Ihre Fortschritte, egal wie klein sie sind, und bleiben Sie dran. Jeder Erfolg zeigt, dass Sie auf dem richtigen Weg sind und gibt Ihnen die Motivation, weiterzumachen.
Herr Schäfer, was wünschen Sie sich für die Zukunft der Radstation?
Ich wünsche mir sehr, dass die Radstation auch in Zukunft bestehen bleibt. Sie ist für viele Menschen, so wie mich, ein Ort, an dem wir nicht aufgegeben, sondern unterstützt werden. Hier bekommen wir eine echte Chance, unser Leben wieder in den Griff zu bekommen – mit Würde, mit Perspektive und mit Wertschätzung. Damit das auch im kommenden Jahr möglich bleibt, braucht die Radstation finanzielle Unterstützung.
Ich hoffe, dass Unternehmen und Einzelpersonen bereit sind, mit einer Spende zu helfen. Jeder Beitrag trägt dazu bei, den Erhalt der Radstation für das Wirtschaftsjahr 2025 zu sichern. Ich bin ein Beispiel dafür, dass sich Hilfe lohnt.
Ohne die Radstation wäre ich heute nicht da, wo ich bin.
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