„Zuerst den Menschen sehen – nicht die Sucht“

2.150 Menschen starben 2025 in Deutschland an den Folgen ihres Drogenkonsums.
Doch Zahlen erzählen nicht, was danach bleibt: Trauer, Fragen und Familien, die lernen müssen, mit einem schweren Verlust weiterzuleben. Zum Internationalen Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende am 21. Juli spricht Frau Kroupis aus Oldenburg über ihren Sohn Noah, der an den Folgen seiner Abhängigkeitserkrankung starb, und darüber, was Angehörigen in einer solchen Situation helfen kann.

„Noah war ein wunderbarer Mensch, mit einem ansteckenden Lachen, einem wachen Verstand und einem großen Herzen“, erzählt Frau Kroupis. Kurz vor seinem Tod hatte er wieder Vertrauen gefasst, sich verliebt, Pläne gemacht: Er wollte studieren, sein neues WG-Zimmer einrichten, neu anfangen. „Die Abhängigkeitserkrankung hat ihm diese Zukunft genommen.“

Sucht ist eine Erkrankung – kein Versagen

Was Frau Kroupis neben der Trauer bis heute beschäftigt, sind Reaktionen aus dem Umfeld, die zeigen, wie wenig über Abhängigkeitserkrankungen bekannt ist. Sätze wie „Dann hätte er ja aufhören können“ träfen Angehörige besonders hart. „Sucht ist eine Erkrankung, keine Frage von Willensschwäche oder persönlichem Versagen“, betont sie.

Diese Erfahrung kennt auch Kyra Bornhorst, Einrichtungsleitung der Drogenberatung Rose Oldenburg der Paritätischen Suchthilfe Niedersachsen, aus ihrer täglichen Arbeit: „Stigmatisierung ist für abhängigkeitserkrankte Menschen und ihre Familien oft eine zweite Last neben der Erkrankung selbst. Sie hält Betroffene davon ab, sich Hilfe zu suchen, und sie lässt Angehörige mit ihrer Sorge und ihrer Trauer allein.“

Frau Kroupis hat das Hilfesystem als ambivalent erlebt: engagierte Mitarbeitende auf der einen Seite, strukturelle Lücken auf der anderen. Besonders auf Akutstationen fehle es häufig an therapeutischen und sozialpädagogischen Angeboten. Sie wünscht sich ein Hilfesystem, das Menschen langfristig begleitet, und mehr niedrigschwellige Anlaufstellen wie ein Akuttelefon für Betroffene und Angehörige. „Oft wird unterschätzt, welche enorme Belastung Familien über Jahre hinweg tragen.“

„Genau hier setzen wir mit unseren Angeboten an“, sagt Kyra Bornhorst. „Mit der Drogenberatung Rose Oldenburg und dem Café CaRo hält die Paritätische Suchthilfe Niedersachsen niedrigschwellige Anlaufstellen für Betroffene und ihre Familien bereit. Hier finden sie Ansprechpersonen – kostenfrei und auf Wunsch auch anonym. Angehörige haben ein eigenes Recht auf Unterstützung, unabhängig davon, ob der erkrankte Mensch selbst Hilfe annimmt.“

Was nach dem Verlust trägt

Nach Noahs Tod war Frau Kroupis auf Unterstützung angewiesen. Getragen haben sie vor allem andere Menschen: der Austausch mit betroffenen Eltern, Einzelgespräche mit Mitarbeitenden der Drogenberatung Rose Oldenburg und des Café CaRo, eine digitale Trauergruppe des Bundesverbands der Elternkreise suchtgefährdeter und suchterkrankter Söhne und Töchter (BVEK e. V.) – und die Freundinnen und Freunde ihres Sohnes, mit denen sie gemeinsam die Beerdigung gestaltete. „Das Gefühl, nicht allein zu sein, gibt Kraft.“

Suchtberatung in Niedersachsen

Trost findet die Familie auch in einer Entscheidung, die sie nach der Feststellung von Noahs Hirntod gemeinsam getroffen hat: Seine Organe wurden gespendet. „Viele Menschen wissen nicht, dass eine Abhängigkeitserkrankung eine Organspende nicht grundsätzlich ausschließt. Noah konnte fünf Menschen das Leben retten. Ich bin sicher, dass er darauf stolz gewesen wäre.“

Anderen Angehörigen möchte sie mitgeben, auch auf sich selbst zu achten: „Sich zwischendurch abzugrenzen bedeutet nicht, sein Kind im Stich zu lassen. Es bedeutet, handlungsfähig zu bleiben.“ Und dem Umfeld trauernder Eltern rät sie, nicht aus Unsicherheit auf Abstand zu gehen: „Warten Sie nicht darauf, dass trauernde Eltern um Hilfe bitten. Die Kraft dafür fehlt oft. Viel wichtiger ist es, da zu sein: zuhören, eine Umarmung anbieten oder sich einfach dazuzusetzen.“

Ein Tag des Erinnerns und der Entstigmatisierung

Vom Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende hatte Frau Kroupis vor dem Tod ihres Sohnes nie gehört. Heute wünscht sie sich, dass er viel mehr Aufmerksamkeit bekommt: „Für mich ist es ein Tag des Erinnerns, der Aufklärung und der Entstigmatisierung. Der Gedenktag macht sichtbar, dass hinter jeder Zahl ein Mensch, eine Familie und eine Geschichte stehen.“

Ihr größter Wunsch aber gilt dem Blick auf ihren Sohn und auf alle Menschen mit einer Abhängigkeitserkrankung: „Ich wünsche mir, dass Menschen zuerst den Menschen sehen und nicht die Sucht.“

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